Das Wesentliche der Philosophie Friedrich Weinrebs
von Israel Koren

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TEIL 2

Die mythische Dimension im Leben

Folgende Frage kann aufgeworfen werden: Was bestätigt die zusätzliche metaphysische Bedeutung, die den Bildern in der Welt der Phänomene gegeben werden, und warum werden die Enthüllungen, die in der Heiligen Schrift dargestellt sind, häufig als Bilder vergegenwärtigt, die aus der natürlichen Welt entnommen wurden? Hier müssen wir auf ein wichtiges Prinzip in der Arbeit Weinrebs hindeuten: Das Vorhandensein einer zusätzlichen Dimension über die materielle Existenz hinaus, die er die mythische Dimension nennt. Während wir in der konkreten Welt materiellen Objekten oder Bildern begegnen, enthält die mythische Dimension Bilder, die nicht materiell sind. In der Tat vertritt Weinreb die Meinung, dass alles, was in der konkreten Welt als Bild oder Gestalt mit einem physischen Körper besteht, gleichzeitig als geistige Abbildung in der mythischen Dimension existiert. Im Gegenteil zur platonischen Theorie, die behauptete, dass Prinzipien oder Konzepte eine abstrakte Existenz in der Welt der Ideen habe, meint Weinreb, dass die mythische Welt aus Strukturen gebildet wird, die aus einem anderen Material erstellt sind, in dem nicht nur allgemeine Richtlinien, sondern auch Einzelheiten bewahrt sind. Nichts existiert in der sensorischen Welt, ohne mit ihrer Wirklichkeit in einer anderen Realität in Verbindung zu stehen.

Die einzigartige Natur der mythischen Dimension wird auch dadurch ausgedrückt, dass der Raum und die Zeit eine andere Bedeutung als die uns vertraute in der Welt der materiellen Phänomene einnehmen. Von der Perspektive des Raumes haben wir gesagt, dass die mythische Dimension keine materielle Substanz enthält, daher werden die Bilder dort auch nicht durch solche klaren, eindeutige Grenzlinien unterschieden. Und von der Perspektive der Zeit gibt es keine Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; deshalb existiert 'dort' alles, was im Gegenwärtigen oder wechselweise im Vergangenen oder im Zukünftigen erscheint, in einem 'spirituellen akkumulierten Zustand'. In der mythischen Dimension bedeutet der Tod nicht das Nichts, sondern eine Transformation, in der die Zukunft, die Vergangenheit und die Gegenwart zur gleichen Zeit existieren.

Eine andere wichtige Eigenschaft der mythischen Dimension ist, dass nicht nur die Dinge anders erscheinen, sondern ihr metaphysischer Wert sofort anwesend ist. Zum Beispiel wird zu einer Abbildung eines Esels, die mythische Wirklichkeit und die Göttliche metaphysische Signifikanz eines Esels sofort hinzugefügt. In diesem Kontext ist es nicht zufällig, dass das Judentum und das Christentum behaupten, dass der Messias auf einem Esel reitend kommen wird, denn so eine Überlieferung leitet sich direkt von der mythischen Dimension des Daseins ab, und erkennt als solche dem Esel eine zusätzliche Bedeutung zu, und ebenso seiner wechselseitigen Beziehung zur messianischen Idee. Diese Abhandlung wird noch zeigen, dass die Sprache das Hilfsmittel ist, welches die mythisch-metaphysische Signifikanz der Objekte aufdeckt, die wir innerhalb der natürlichen, sensorischen Welt wahrnehmen.

Wir können bis zu diesem Punkt zusammenfassen, dass die gesamte natürliche, materielle Welt, in der wir existent sind, ein Symbol darstellt, da alle ihre Geschöpfe in einer anderen Dimension mit metaphysischer Bedeutung existieren. Diese Geschöpfe haben bedeutungsvolle und beiderseitige Beziehungen, die normalerweise unserem Bewusstsein verborgen bleiben. Was vor uns in unserer Welt unsichtbar bleibt, ist die zusätzliche Bedeutung der Phänomene. Die Menschen müssen den mythischen Kontext der Wirklichkeit, der sich vor ihren Augen abspielt, klar erkennen lernen. Diese Welt ist nicht ohne spirituelle Bedeutung, man muss es jedoch erlernen, sie zu bemerken.

Weinreb prägte einen wichtigen Ausdruck, der diskutiert werden sollte - die Existenz der Formen in der Zeit. Es sind nicht nur solche greifbare Bilder wie ein Mandelbaum, eine Taube oder ein Esel, die eine zusätzliche, mythische Signifikanz beinhalten; die Zeit besitzt auch eine zusätzliche Bedeutung. Das heißt in anderen Worten, bedeutungsvolle Formen oder Konzepte mit spirituellem Wert existieren in der Zeit ebenso wie im Raum. Ebenso wie ein Prinzip einer physischen Abbildung zugrunde liegt, so tut es auch die Zeit. In einer etwas esoterischeren Beschreibung könnte man sagen, dass die zugrundeliegenden Einheiten der Zeit und der Formen im Raum Qualitäten des Seins sind. Der volle Kontext der Formen der Zeit existiert in der mythischen Dimension, genau so wie der volle Kontext der Formen des Raumes, nur sind sie schwerer zu erkennen. In der physischen Welt ist es einfach zu sehen, wo die Form des Esels endet, aber es ist schwierig zu wissen, welcher Abschnitt der Zeit eine komplette Einheit hervorbringen lässt.

Weinreb macht geltend, dass die jüdischen Schriften uns das Sichtbarwerden kompletter Zeit-Einheiten anzeigen, da sich die Heilige Schrift von der mythischen Dimension der Existenz ableitet, und damit in einer bestimmten Weise den Anfangspunkt der Zeit, die einschließende Beschaffenheit ihrer Trajektorie, sowie ihren Endpunkt umfasst. So zum Beispiel kennzeichnen die Handlungen der Schöpfung eine Zeit-Einheit, von der aus wir die Struktur der Zeit studieren können, ebenso wie in der Erzählung von Noah und der Sintflut, sowie in der Geschichte der Diaspora und des Exils des Volkes Israel in Ägypten und dessen Ankunft im Land von Kanaan. Aus diesen Geschichten können wir ein typologisches Modell herausfiltern, welches die Struktur der Zeit aufrechterhält, und von welchem wir wiederum etwas über die Entwicklungsstruktur der Zeit erlernen können.

Daraus folgt dann, dass wir die mythische Dimension als das Ganze bezeichnen können, und die konkrete Wirklichkeit als die Hälfte. Jedoch bleibt diese Hälfte nur solange eine Hälfte im menschlichen Bewusstsein, bis die Menschen erlernen, mit der mythischen Dimension zu kommunizieren und damit beginnen, die materielle Welt in ihrem vollen Kontext zu sehen. Für die, die sich auf diesen Weg begeben, und die metaphysische, spirituelle Signifikanz in der sichtbaren Welt entdecken und erfahren, wandelt sie sich in eine Welt, die mit Göttlicher Bedeutung durchtränkt ist.

Obgleich sich die Menschen einer Vielheit gegenübersehen, wird die umfassende und vereinheitlichende Natur der mythischen Dimension, letztendlich, in der Wahrnehmung aller persönlichen Elemente in ihrer Einheit offenbar. Dieses ist der Weg, der von den polytheistischen Mythen zu den monotheistischen Mythen führt: Polytheistische Mythen stellen ein Stadium in Richtung der Weiterentwicklung zu einer vereinheitlichten Wahrnehmung der Wirklichkeit dar, eines einzelnen Göttlichen Wesens, welches auf Vielfältigkeit begründet ist.

 

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