"Für mich ist die Hermetische Beobachtung eine Form des geschehenen Seins in neutraler Gewahrsamkeit.
Sie ist weniger eine erlernbare Technik als eine Weise des Sehens:
der vertikale Blick eines zeitlosen Zeugen, der den Alltagsfilm
ohne Reibung und ohne unmittelbaren Korrekturdrang als Spiegelbild des eigenen Erlebens betrachten kann."
Die Kunst des unberührten Zeugen
Die Hermetische Beobachtung ist für mich ein zentrales Prinzip meiner spirituellen Schau und ein vertikaler Blick auf das Geschehen. Sie unterscheidet sich von methodischen, zielgerichteten Praktiken des Verstandes und auch von klassischen Meditationsübungen. Während viele Wege den Menschen dazu einladen, sich zu verändern, das Ego zu beobachten oder den Zustand des Geistes bewusst zu beeinflussen, liegt der Akzent der Hermetischen Beobachtung für mich im mühelosen Lassen dessen, was JETZT ist.
I. Die Verschmelzung zweier Welten: Hermetik und Gewahrsamkeit
Der Begriff verbindet für mich zwei wesentliche Bereiche meiner alchemistischen und mystischen Lebenserfahrung:
Zum einen das Hermetische Prinzip der universellen Entsprechungen („Wie innen, so außen; wie oben, so unten“). Die wahrnehmbare Außenwelt – mit ihren Akteuren, Lehrern, Systemen, Widersprüchen und Rollen – erscheint mir dabei nicht vollständig getrennt von der inneren Wahrnehmung. Sie kann als Spiegelbild dessen betrachtet werden, was sich im eigenen Bewusstsein bewegt.
Zum anderen die reine Beobachtung: das neutrale Bemerken ohne vorschnelles Urteil, ohne unmittelbaren Eingriff und ohne den ständigen Versuch einer Korrektur (Tikun). Der Beobachter kann dabei wie ein unbewegter Projektor hinter der Leinwand erscheinen, der die wechselnden Filmbilder wahrnimmt, ohne sich vollständig mit ihnen zu verwechseln.
II. Der Korrekturzwang der Systeme: Wenn das Verbessern stiller werden darf
Viele traditionelle und moderne spirituelle Lehren können früher oder später in eine Schleife des Verstandes führen: Es entstehen immer neue Baustellen. Dem Suchenden kann vermittelt werden, sein Geist sei unvollständig, sein Ego solle geläutert, belehrt oder durch immer neue Erklärungen verändert werden.
Aus der Perspektive der Hermetischen Beobachtung kann sich dies als das unentwegte Quasseln des „kleinen Mannes im Ohr“ zeigen. Eine Fata Morgana kann sich nicht selbst korrigieren; eine Figur im Alltagsfilm erscheint aus dieser Sicht nicht als ein unabhängiger Steuermann. Der unberührte Zeuge dahinter braucht dabei nicht erst hergestellt oder repariert zu werden. In der Erfahrung, dass nicht jede Erscheinung sofort in „richtig“ oder „falsch“ aufgeteilt werden braucht, kann sich künstliche Reibung lösen. Die Suche nach der perfekten Methode kann einer unmittelbaren Präsenz weichen.
III. Das Prinzip der geringen Latenz und die fruchtbringende Faulheit
Das Prinzip der Hermetischen Beobachtung kann die Zeit zwischen Wahrnehmung und Erkennen sehr klein werden lassen. Taucht im Alltagsfilm ein Ego-Muster, eine Angst oder ein dogmatischer Anspruch auf, kann diese Erscheinung im selben Augenblick betrachtet und wieder losgelassen werden. Es braucht nicht jede Regung eine eigene Bühne.
Dies ist für mich der Kern der fruchtbringenden Faulheit: das Unterlassen von vielem, was den Geist in krampfhafter Agitation hält. Es scheint keine jahrzehntelange Technik nötig zu sein, um den Spiegel immer wieder blank zu machen. Manchmal genügt die schlichte Wahrnehmung dessen, was sich bereits zeigt. Das Bild vom perfekten BIOS beschreibt für mich dabei die Ahnung, dass etwas Wesentliches nicht erst hergestellt zu werden braucht.
IV. Vom Steuermann zum wachsamen Zeugen
In einer vertieften Beobachtung kann das Ego von dem Anspruch zurücktreten, alles selbst steuern zu wollen. An seine Stelle kann eine größere Offenheit gegenüber dem treten, was ich als Gnade und Führung des inneren Sterns erfahre. Der Blick richtet sich dann weniger auf die Kontrolle des horizontalen Verlaufs als auf die vertikale Tiefe des gegenwärtigen Moments.
Die Hermetische Beobachtung ist für mich deshalb kein Lehrgebäude für Gefolgschaften und kein Rezept zum Wohlfühlen, sondern eine ständige, leise Einladung, die eigenen Masken zu betrachten und den Korrekturimpuls immer wieder loszulassen. Wer um einen einzigen Millimeter zurücktritt und im unberührten Zuschauerraum des eigenen Geistes Platz nimmt, kann etwas erfahren, das sich nur schwer in Worte fassen lässt:
Du bist nicht nur das plappernde Wort im Kopf. Du kannst die Stille bemerken, in der das Wort entsteht … und wieder vergeht. Und in diesem Bemerken kann sich eine andere Beziehung zur Welt öffnen.