Wer sich jahrelang durch die dichten Schichten von Kabbala, Lautwesen, hebräischen Buchstaben und mathematischen Gematria-Tabellen gearbeitet hat, bewegt sich in einem hochkomplexen und faszinierenden System.
Es ist das Handwerkszeug, mit dem große Mystiker und Denker versucht haben, die Struktur des Bewusstseins durch den Spiegel der Sprache zu entfalten.
Nichts davon war umsonst oder unnötig.
Diese lange Beschäftigung mit solchen Konzepten war ein wichtiger, vorbereitender Schritt. Sie hat ein Fundament gelegt.
Die Betrachtungen waren nicht falsch.
Im Gegenteil.
Sie konnten eine Brücke sein.
Doch oft sind solche Lehren von einer ständigen, fast drängenden Überbetonung begleitet: dass etwas „sehr wichtig“ sei, dass es die einzig gültige Lehre wäre, und dass der Verstand des Avatars unbedingt in ein bestimmtes System hineingezogen werden müsse.
Doch jedes System, das sich an Codierungen, sprachliche Matrix-Analysen und mentale Werkzeuge klammert, bleibt letztlich im horizontalen Raum des Verstandes.
Die Vorstellung, man müsse zwingend durch diese technischen Schleusen gehen, verwechselt irgendwann das Werkzeug mit der Quelle.
Vorstellungen vom Menschen als „Krönung der Schöpfung“ können leicht zu einer menschlichen Überhöhung führen.
Wenn man genauer hinschaut, wird die vermeintliche Krönung des Menschen ohnehin fragwürdig.
Vielleicht lernen wir manchmal mehr von der reinen Präsenz eines Steines, einer Pflanze oder eines Tieres als von einem intellektuellen Lehrer.
Sie verlangen nichts.
Sie müssen kein Ego abstellen.
Sie müssen sich nicht in ein Konzept pressen.
Sie sind einfach da.
Vielleicht ist es gerade das menschliche Ego mit seinen Begierden, das den Lärm erzeugt, den die Codierung anschließend mühsam zu bändigen versucht.
Auch die abrahamitischen Buchreligionen haben das Verbot aufgestellt, sich kein Bild zu machen.
Und doch ist daraus an vielen Stellen ein gewaltiges Bemühen entstanden, dieses absolute Unbekannte bis ins kleinste Detail zu beschreiben und in Begriffe und Buchstaben zu fassen.
Menschen, deren Leben stärker unmittelbar mit der Natur verbunden war und weniger von schriftlichen Lehrgebäuden geprägt wurde, brauchten für diese unmittelbare Erfahrung möglicherweise keinen solchen Umweg.
Vielleicht lebten sie die Schöpfung unmittelbarer, ohne sie zuerst erklären zu müssen.
Und damit sind wir bei der ganzen Idee eines „Weges“.
Was wäre, wenn es gar nicht nötig wäre, einen langen Weg zu beschreiten, um irgendwann das Vakuum oder die Stille zu erreichen?
Wenn alles, absolut alles, aus diesem unendlichen Vakuum und dieser reinen Stille entspringt, dann kann man schwerlich sagen, ein Mensch besitze davon mehr als ein anderes Wesen.
Vielleicht hat alles daran Anteil, gerade weil alles daraus hervorgeht.
Ein Stein.
Eine Pflanze.
Ein Tier.
Und der Avatar.
Vielleicht sind sie nur unterschiedliche Erscheinungsformen desselben großen Zusammenhangs.
Ein Stein geht keinen Weg.
Er braucht nirgendwo anzukommen.
Und vielleicht ist genau das die kleine Zumutung für den Menschen: dass er sich jahrzehntelang durch Systeme arbeiten kann, um irgendwann zu entdecken, dass es überhaupt nichts zu suchen gab.
Der Übergang von der Analyse zur reinen Schau kann erstaunlich einfach sein.
Es braucht keinen externen Lehrer, keine Massenbelehrung und keine endlosen Analysen der Lautwesen mehr.
Wenn die äußere Welt als das erkannt wird, was sie ist – ein flüchtiger Film, der im inneren Spiegel erscheint –, dann kann auch die Notwendigkeit nachlassen, das Spielfeld ständig durch neue Methoden, magische Filter oder Frequenzvorstellungen erklären und verteidigen zu müssen.
Vielleicht geschieht etwas, wenn das Erklären aufhört.
Wo die Stille Platz greift.
Kein System der Welt kann diese Stille besitzen.
Sie ist kein Verdienst des Willens.
Vielleicht ist sie einfach da.
Und vielleicht war sie immer da.
Aus dem Strom des Seins ~ Eine Erinnerung
„Denke an eine Welle im Ozean. Sie erhebt sich, nimmt Gestalt an, scheint eine eigene Existenz zu besitzen, bewegt sich für einen kurzen Augenblick und kehrt dann ins Meer zurück. Sie hat niemals aufgehört, der Ozean zu sein. Ihre Form hat sich vorübergehend verändert, doch ihr Wesen ist unverändert geblieben.“
„Das Leben mag wie ein Traum erscheinen, wenn wir nur seine vergänglichen Formen betrachten. Doch das wahre Erwachen geschieht vielleicht genau in dem Augenblick, in dem wir unsere Einheit mit der großen Ordnung der Existenz erkennen und uns dafür entscheiden, in stillem Frieden mit ihr zu leben.
Rudere sanft – arbeite mit dem Fluss der Natur und dem Zufall zusammen.
Alles fügt sich dann vielleicht wie von selbst.
Als zufälliger Gnadenakt.
Weisheit wird dabei nie schaden.“