Zu Ihrer Frage, welche Rolle der Verstand in der Kabbala spielt, habe ich den Eindruck, dass Sie es bereits gut erfühlt haben. Dennoch versuche ich, die Frage aus meiner Sicht zu erhellen. Würden wir unseren Verstand völlig wegfallen lassen, wäre dies „Glaube unterhalb des Verstandes“ und nicht Glaube über dem Verstand. Denn der Verstand ist uns gegeben; er ist ein bestimmter Teil, eine Phase des Lichtes.
Der Glaube über dem Verstand ist ein Punkt, an dem der Verstand das Wesen stufenweise in einem Prozess der Erleuchtung verlassen hat – nicht, weil man sich willkürlich dazu entschieden hat, ihn nicht mehr zu benutzen. Dieser Vorgang ist ein stufenweiser Prozess, der den Verstand bis zu einem Punkt führt, an dem er keine Fragen mehr stellt und keine Antworten mehr erhält. Erst wer mit größtmöglicher Bemühung – also mit seinem absolut Äußersten – versucht hat, seine Wünsche mit dem Verstand zu erzielen und dann gescheitert ist, kann authentisch etwas vom „Glauben über dem Verstand“ sagen.
Dieser Zustand vollzieht sich in Vollendung nur dann, wenn es einen direkten Kontakt mit dem Schöpfer gibt; dies ist erst hinter der Grenze, dem Makhsom, möglich. Vorher ist dieser Punkt eine Frage des Nachsinnens und des „Glaubens an den Glauben“, aber nichtsdestoweniger eine sehr wichtige Vorbereitung. Ohne diesen „denkenden, verstandesgemäßen Glauben“ würde das Geschöpf nie die Unterscheidung fühlen, die es nach dem Glauben über dem Verstand fragen ließe.
Wenn die Kabbalisten den Glauben betonen und den Verstand reduzieren, entspricht das dieser Abstufung des Lichtes von Keter bis hin zu Malchut (unserer Welt). Aus dieser Ordnung leitet sich ab, dass der Glaube immer über dem Verstand zu stehen hat, da er der höheren Phase des Lichtes entspricht.
Der erste Schritt hin zu diesem Zustand ist bereits die Frage nach dem richtigen Glauben. Der Glaube selbst kommt dann durch korrekte Bemühungen, die richtigen Texte und die Begleitung durch authentische Menschen.