Arcanum

Israel Koren:
Die Philosophie
Friedrich Weinrebs

Dissertation, Hebrew University 1996
Übersetzt von Peter Staaden

Vorwort

"Friedrich Weinreb ist eine absolute Ausnahmeerscheinung im Judentum des 20. Jahrhunderts. Auf unnachahmliche Weise schöpft er aus den Quellen der jüdischen chassidischen Überlieferung und lehrt die Torah und die Kabbala in der Sprache der heutigen Zeit. Friedrich Weinrebs Vorträge dienen als Einleitung in ein neues Denken, und er bringt uns die "Jüdische Heilige Mündliche Lehre" auf bahnbrechend warmherzige Weise nahe."
Aus diesen Einschätzungen leitet sich die Motivation dieser Internetseiten ab, welche die innewohnende Botschaft in Friedrich Weinrebs Werk für äußerst wichtig erachtet, und jedem, der an einem tiefgehenden Verständnis der Tora und der Kabbala interessiert ist, sein Werk ans Herz legen möchte. Die Besonderheit der Form seines Schriftwerkes liegt darin, dass seine Bücher auf Tonbandaufnahmen von mündlichen Vorträgen beruhen. Somit erhalten die Texte einen äußerst authentischen und eingängigen Charakter. Das gesamte Werk und das Tonarchiv ist bei der Friedrich-Weinreb-Stiftung erfahrbar. Insbesondere die Bücher: "Schöpfung im Wort" & "Vor Babel" sowie "Der Weg durch den Tempel" sollten studiert werden! Des weiteren ist den interessierten Lesern nachfolgend die Übersetzung der Kurzversion der Doktorarbeit von Israel Koren über Friedrich Weinrebs Werk beigefügt. Peter Staaden

Der englische Originaltext: "Main issues in Friedrich Weinreb's Philosophy" Thesis Submitted for the Degree "Doctor of Philosophy" by ISRAEL KOREN, Submitted to the Senate of the Hebrew University April 1996, wurde von Peter Staaden ins Deutsche übersetzt und mit der Genehmigung von Israel Koren veröffentlicht.

Teil I: Das Wesentliche der Philosophie

KURZFASSUNG Friedrich Weinreb ist ein philosophischer Kommentator der Bibel und der begleitenden jüdischen mündlichen Überlieferung. Als solcher unterscheidet er sich von den meisten jüdischen Denkern des 20.Jahrhunderts, die sich mehr mit der gesamten Konzeption der Bedeutung des Judentums sowie des Wertes dieser Quellen beschäftigen, und weniger mit einer strukturierten und systematischen Erklärung der Bibel. Obgleich Martin Buber, auf der Suche nach ihrem innewohnenden ewigen Gehalt, einige Bücher über die Heilige Schrift schrieb, liegt der Unterschied zwischen Buber und Weinreb in der Tatsache, dass sich Bubers Kommentare der Bibel von den Schlussfolgerungen, die er durch die Wissenschaft des Bibelstudiums erreichte, herleiten, selbst wenn er einigen von ihnen widerspricht. Weinrebs Erläuterung der Quellen, stellt demgegenüber grundsätzlich eine einschließende Kommentarmethode und einen semantischen Dreh- und Angelpunkt dar, der fast völlig den Ausgangspunkt und die Schlussfolgerungen der wissenschaftlichen Studien der Bibel verneint. Ich definiere Weinreb als philosophischen Kommentator der jüdischen Quellen, da Weinreb in der jüdischen mündlichen Überlieferung den Schlüssel zum Verstehen des menschlichen Lebens, sowie unserer Passage auf der Erde, in einem immerwährenden Sinne sieht, der auch nicht durch die historische Periode begrenzt wird, in der die Heilige Schrift erstellt wurde. Diesbezüglich weicht Weinreb von der Tendenz ab, die bereits mit Spinoza beginnt und einige Wurzeln im Mittelalter hat, die alten Texte von einer historischen, entwicklungsgemäßen Perspektive aus zu beurteilen und zu diskutieren. Nach Weinrebs Meinung ist es die synchronische, und nicht die diachronische Dimension, die zu einem wirklichen Verständnis der Lehren innerhalb der mündlichen Tradition führt. Weinreb befasst sich nicht damit, die Heilige Schrift von einem historischen Standpunkt aus, oder mittels philologischer und kritischer Methoden, in einem zeitgenössischen Sinne zu erklären. Diese Methoden der Analyse waren für die letzten zweihundert Jahre auf dem Gebiet der Bibelforschung allgemein gültig gewesen. Daher kann er nicht als Forscher in der modernen Bedeutung dieses Wortes, jedoch als philosophischer Kommentator definiert werden. Die Kommentare Weinrebs haben weder nationale Tendenzen, noch sind sie besonders an jüdische Leser gerichtet. Die symbolische Vorgehensweise Weinrebs neutralisiert vollständig nationale Konnotationen in der Bibel, die er als ein Universaldokument wahrnimmt, das für alle Völker existiert. Konzepte wie 'ein Jude', 'ein Hebräer' und 'Israel' sind Symbole für mentale Tendenzen und Einstellungen gegenüber der Wirklichkeit. Obgleich Weinreb zur gleichen Zeit über Jahre hinweg für die Gründung des Staates Israels lebte und arbeitete, hat der Zionismus keinen speziellen Platz in seiner Arbeit. Alle Betrachtungen Israels, die in der Heiligen Schrift erwähnt werden, sind Vorstellungen, die eine symbolische Signifikanz beinhalten. Wie noch sichtbar werden wird, ist diese Tendenz ein Teil von Weinrebs gesamter Annäherung an die Heilige Schrift, in der die Inhalte der Heiligen Schrift nicht vollständig mit der natürlichen Wirklichkeit von Zeit und Ort zusammenpassen. Weinrebs Kommentarstil wird durch die Integration der unterschiedlichen Quellen, wie der Bibel und der mündlichen Überlieferung, sowie durch die Kombination von Kommentarmethoden gekennzeichnet, die aus dem Altertum und dem Mittelalter stammen, die aber durch Weinreb, passend zu einem zeitgenössischen Denker, umgestaltet werden. Auf dieser Grundlage, die Kommentarmethoden, wie die symbolische Perspektive, Typologie, Archetypen und die Verbindung zwischen Zeichen und Zahlen kombiniert, schafft Weinreb eine umfassende Methodik des Kommentars, der auf die ganze heilige Literatur des Judentums anwendbar ist, und, nach seiner Auffassung, die grundlegenden Strukturen aufdeckt, die in diesen Schriften und im Leben selbst vorhanden sind. Weinrebs Kommentare entwickelten sich auf der Grundlage der deutschen Philosophie und der Psychologie des Unterbewusstseins. Er kombiniert die besondere Betonung des Wertes der Träume und ihrer Stellung im Unterbewussten des Menschen, mit seiner Erläuterung zur Bibel, dem Talmud und der Kabbala, und fügt damit eine beträchtliche Aussagekraft zur archetypischen Betrachtungsweise hinzu. Weinreb stellt eine ursprüngliche Art des Denkens dar, welches die systematische Überlegung kombiniert, geeignet für jemanden der in einer wissenschaftlichen Welt aufwuchs, sowie eine esoterische Einstellung gegenüber der Heiligen Schrift und des Lebens an sich postuliert. Die Behauptungen Weinrebs, bezüglich des ewigen Wertes der Bibel, sowie der Lehren des Talmud und der homiletischen Interpretationen sind nicht neu. Man kann diese Art der Argumentation bis zu Philon von Alexandria, sowie zu Maimonides und den jüdischen Mystikern zurückverfolgen. Ihre jeweilige Auswertung des Ewigen unterscheidet sich jedoch bedeutend. Beide, Philon von Alexandria und Maimonides, jeder in seiner eigenen Weise, nahmen an, dass die jüdischen Quellen die Wahrheit der griechischen Philosophie kodieren: Mit anderen Worten vermuteten sie, den Aspekt der Ewigkeit in der Bibel, in den rationalen und moralischen Wahrheiten, hinsichtlich der Struktur der Wirklichkeit, und des Zieles des Menschen- und Weltbestehens, finden zu können. Für die Anhänger der theosophischen Kabbala wurde das Ewige in der Heiligen Schrift in Richtung zur oberen Welt, in die Struktur der himmlischen Sephirot, mit ihren wechselseitigen Verknüpfungen dirigiert. In der prophetischen Kabbala spielte die Kombination der Zeichen in der Bibel sowie ihre ewige und uninformative Signifikanz eine wichtige Rolle. Demgegenüber behauptet Weinreb, dass das Ewige in der Heiligen Schrift durch verschiedene Faktoren ausgedrückt wird. Der erste und wichtigste Faktor ist, dass diese Schriften eine Wirklichkeit beschreiben, die nicht einer Welt von Zeit und Raum, so wie wir sie durch unsere Sinne und die von ihnen erzeugten Gedanken kennen, entspricht, sondern sie schildern eine übergreifendere Wirklichkeit. Diese reichhaltigere Wirklichkeit hängt nicht nur von der Tatsache der Offenbarung Gottes in der Bibel ab, sondern von jedem Phänomen, welches in der Heiligen Schrift beschrieben wird. Deshalb kommt im Inneren der Erläuterungen Weinrebs über die Heilige Schrift eine bestimmte Weltanschauung zum Vorschein, die nach seiner Meinung tadellos mit der Wirklichkeit korrespondiert, die in den alten Schriften beschrieben wird. Wir können diese Weltsicht als eine mythische Wahrnehmung der Wirklichkeit bezeichnen. Dementsprechend leitet sich Weinrebs Werk von der Integration dreier Faktoren ab: (a) Seiner Wahrnehmung der Wirklichkeit; (b) seinem Verständnis der jüdischen Quellen; (c) dem Standort der Menschheit in der Wirklichkeit, basierend auf dem Wesen der Existenz, sowie der Heiligen Schrift. Zuerst sollten wir Weinrebs mythische Wahrnehmung der Wirklichkeit definieren und kennzeichnen, so wie er sie in seinem Verständnis der Heiligen Schrift reflektiert. ‚Mythische Wahrnehmung' besagt, dass die Wirklichkeit, die über die Sinne aufgenommen wird, zur Gesamtheit des Lebens in der uns umgebenden Welt aus zwei Hauptgründen unvollständig und ungeeignet ist: (1) Alles in unserer Umwelt existiert im Göttlichen Kontext; (2) die Existenz von Objekten und Konzepten in unserer Welt ist in einem Zustand der wechselseitigen Beziehung, welcher sich von dem vor uns erscheinenden unterscheidet. Dieses trifft auch auf das Verhältnis zwischen dem Menschen und seiner Umgebung zu: Die externe Welt mit ihrer Fülle von Phänomenen, ist eine Reflexion der inneren Welt des Menschen, und beide stehen in einer Wechselbeziehung zueinander. Alle Geschöpfe, die außerhalb des Menschen existieren, sind Echos, Ausdrücke und Symbole von menschlichen Qualitäten, sowie mentalen und spirituellen Einstellungen. Die externe Welt ist vielmehr die menschliche innere Welt, die nach außen geöffnet worden ist, um sichtbar zu werden. Dasselbe ist für Personen zutreffend, die wir während unseres Lebens treffen. Folglich, um die Wirklichkeit in unterschiedlichen Kontexten als Ganzes zu begreifen, ist eine andere Art und Weise der Wissenschaft und des Einblicks erforderlich. Eine Person, welche die Wirklichkeit nicht in ihrem gesamten Kontext wahrnimmt, existiert nur in einem "halben Königreich". Um alle beinhalteten Phänomene, die von den Sinnen aufgedeckt werden, umfassend wahrnehmen zu können, müssen wir eine erfahrungsgemäße Herangehensweise wählen, und sie durch Offenbarung erreichen. Um präziser zu sein, kann man sagen, dass Weinrebs Wahrnehmung der mythischen Wirklichkeit, und besonders seine grundlegende Annahme, der Notwendigkeit einer anderen Art Erfahrung und Wissen für den Menschen, ihn deutlich in die Gruppe derjenigen Denker positioniert, die keine rationalen und methodischen Gedanken, basierend auf den Sinnen, als das kardinale Hilfsmittel für das Begreifen von Wirklichkeit, akzeptieren. Wie Buber, A.D. Gordon und Rav Kook im jüdischen Denken, sowie anderer, die mit der Schule der "Philosophie des Lebens" gekennzeichnet werden, setzt Weinreb voraus, dass man die Wirklichkeit direkt durch Intuition und Offenbarung ohne die Notwendigkeit einer Vermittlung wahrnehmen kann. Jedoch, wie Gordon und Kook, bevorzugt Weinreb nicht vollständig das Instinktive über dem Rationalen; stattdessen versucht er, den Gedanken, der auf göttlicher Enthüllung basiert, zu integrieren, oder, wie er es nennt, - vertikales Denken - mit horizontalem Denken, was dem Konzept des 'praktischen Denkens' von Maimonides ähnlich ist. Jedoch, im Vergleich mit Kook, tendieren Weinrebs Gedanken nicht nur zu einer vereinheitlichenden Wahrnehmung der Wirklichkeit, kontrastiert zur Empfindung ihrer getrennten Bestandteile. Mittels des mythischen Einblickes stehen diese Teile genau so mit dem Verständnis in Zusammenhang . Ähnlich zu den bereits erwähnten Denkern hebt Weinreb den Stellenwert der Menschlichkeit im Leben stark hervor, und, wie Buber und Kook, erklärt er, dass der Mensch durch das Studieren der Heiligen Schriften für ein umfassenderes und authentischeres Bewusstsein vorbereitet wird. Ungeachtet dessen, unterscheidet sich seine Vorstellung bezüglich des ewigen Wertes der Heiligen Schrift von den ihrigen, und seine Untersuchungen sind breitgefächerter. Daher kann Weinreb als philosophischer Kommentator der Jüdischen Schriften definiert werden. Es ist wichtig für unser Lernziel, Weinrebs mythische Wahrnehmung von jener Bubers zu unterscheiden. Obgleich sie beide unterstellen, dass eine mythische, erfahrungsgemäße Wahrnehmung hin zur Wirklichkeit, Göttliches Licht vergieße, definiert Buber den Mythos nur für gültig, wenn er durch die Sinne als Göttliche Enthüllung wahrnehmbar ist. Weinreb macht andererseits geltend, dass mythische Erfahrung oder Wiedererkennung nicht nur von den Sinnen abhängt, sondern auch von Bildern, die in Visionen und Träumen erscheinen. Zum Beispiel, entsprechend der Mythos Definition Bubers, ist die Merkava-Vision Ezekiels nicht ein Mythos sondern eine übernatürliche Erfahrung, da die Tiere, die im Buch von Ezekiel beschrieben werden, in keiner bekannten Wirklichkeit existieren. Jedoch wird entsprechend Weinreb jedes Bild, das aus der Welt der Phänomene entnommen wird und zusätzliche Bedeutung trägt, ob es vor unseren körperlichen Augen oder vor unserem geistigen Auge erscheint, als mythische Wirklichkeit definiert. Nach seiner Meinung ist nur eine abstrakte Begegnung mit der Gottheit keine mythische Erfahrung. Dewegen ist Weinrebs mythische Wirklichkeit näher an einer symbolischen Vorstellung und schließt sie mit ein: Wenn die Tiere, die in Ezekiels Anblick der Merkava beschrieben werden, in einem metaphysischen Kontext wahrgenommen werden, sind sie beides, Symbol oder Ankündiger für diese metaphysische Wirklichkeit, welche symbolisiert oder angedeutet wird. Für Weinreb geben die Mythen den Symbolen eine Signifikanz. In Weinrebs mythischer Wahrnehmung werden alle Wirklichkeiten, die durch die Sinne merklich sind, zu Symbolen, obwohl, im Gegensatz zu der theosophischen Kabbala, das Symbolisierte kein Teil der Welt der Sephirot darstellt. Das heißt in anderen Worten, der symbolische Dreh- und Angelpunkt ist nicht vertikal sondern horizontal. Dem gemäß ist es ein und dasselbe, ob ein Mensch mit seinen eigenen Augen einen Mandelbaum sieht, oder von ihm träumt, oder ihn in seinem eigenen Gedächtnis, so wie Jeremiah, als eine Art interne Abbildung sieht, oder davon in den Heiligen Schriften liest: Jedes mal, wenn dieser bestimmte Baum in seinem göttlich-metaphysischen Kontext wahrgenommen wird, betritt der Mensch das mythische Reich. Der Mandelbaum erscheint in Jeremiahs Vision um zu verkünden, dass das Wort Gottes schnell erfüllt wird. Grammatisch ist es das Verb SH-K-D, das zu dieser Schlussfolgerung führt. Gemäß Buber ist dies eine Vision und kein Mythos, jedoch nach Weinrebs Meinung ist der Mandelbaum in der natürlichen Welt ein Ausdruck des metaphysischen Prinzips, dass der Wille Gottes schnell vollendet werden soll, und dass der Wille Gottes gut ist. Der Mandelbaum trägt seine eschatologische Bedeutung dadurch, dass es der erste Baum im Land Israel ist, der im Winter zu blühen beginnt. Der Mythos wird auf der Schnittstelle zwischen dem Vergänglichen und dem Ewigen erstellt. Er unterscheidet nicht, ob der Mandelbaum in einem Traum oder in den Morgenstunden erscheint. Was wichtig ist, wohnt in der zusätzlichen Bedeutung inne, die von dem Objekt wahrgenommen wird, und liegt nicht im Zustand seines Beobachters. Weinrebs Wahrnehmung der mythischen Wirklichkeit macht das Objekt innerhalb der externen Welt zu einer 'Straßenkarte' mit Göttlicher Bedeutung und zu einer archetypischen Bezeugung für den menschlichen Geist.

Teil II: Die mythische Dimension im Leben

Folgende Frage kann aufgeworfen werden: Was bestätigt die zusätzliche metaphysische Bedeutung, die den Bildern in der Welt der Phänomene gegeben werden, und warum werden die Enthüllungen, die in der Heiligen Schrift dargestellt sind, häufig als Bilder vergegenwärtigt, die aus der natürlichen Welt entnommen wurden? Hier müssen wir auf ein wichtiges Prinzip in der Arbeit Weinrebs hindeuten: Das Vorhandensein einer zusätzlichen Dimension über die materielle Existenz hinaus, die er die mythische Dimension nennt. Während wir in der konkreten Welt materiellen Objekten oder Bildern begegnen, enthält die mythische Dimension Bilder, die nicht materiell sind. In der Tat vertritt Weinreb die Meinung, dass alles, was in der konkreten Welt als Bild oder Gestalt mit einem physischen Körper besteht, gleichzeitig als geistige Abbildung in der mythischen Dimension existiert. Im Gegenteil zur platonischen Theorie, die behauptete, dass Prinzipien oder Konzepte eine abstrakte Existenz in der Welt der Ideen habe, meint Weinreb, dass die mythische Welt aus Strukturen gebildet wird, die aus einem anderen Material erstellt sind, in dem nicht nur allgemeine Richtlinien, sondern auch Einzelheiten bewahrt sind. Nichts existiert in der sensorischen Welt, ohne mit ihrer Wirklichkeit in einer anderen Realität in Verbindung zu stehen. Die einzigartige Natur der mythischen Dimension wird auch dadurch ausgedrückt, dass der Raum und die Zeit eine andere Bedeutung als die uns vertraute in der Welt der materiellen Phänomene einnehmen. Von der Perspektive des Raumes haben wir gesagt, dass die mythische Dimension keine materielle Substanz enthält, daher werden die Bilder dort auch nicht durch solche klaren, eindeutige Grenzlinien unterschieden. Und von der Perspektive der Zeit gibt es keine Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; deshalb existiert 'dort' alles, was im Gegenwärtigen oder wechselweise im Vergangenen oder im Zukünftigen erscheint, in einem 'spirituellen akkumulierten Zustand'. In der mythischen Dimension bedeutet der Tod nicht das Nichts, sondern eine Transformation, in der die Zukunft, die Vergangenheit und die Gegenwart zur gleichen Zeit existieren. Eine andere wichtige Eigenschaft der mythischen Dimension ist, dass nicht nur die Dinge anders erscheinen, sondern ihr metaphysischer Wert sofort anwesend ist. Zum Beispiel wird zu einer Abbildung eines Esels, die mythische Wirklichkeit und die Göttliche metaphysische Signifikanz eines Esels sofort hinzugefügt. In diesem Kontext ist es nicht zufällig, dass das Judentum und das Christentum behaupten, dass der Messias auf einem Esel reitend kommen wird, denn so eine Überlieferung leitet sich direkt von der mythischen Dimension des Daseins ab, und erkennt als solche dem Esel eine zusätzliche Bedeutung zu, und ebenso seiner wechselseitigen Beziehung zur messianischen Idee. Diese Abhandlung wird noch zeigen, dass die Sprache das Hilfsmittel ist, welches die mythisch-metaphysische Signifikanz der Objekte aufdeckt, die wir innerhalb der natürlichen, sensorischen Welt wahrnehmen. Wir können bis zu diesem Punkt zusammenfassen, dass die gesamte natürliche, materielle Welt, in der wir existent sind, ein Symbol darstellt, da alle ihre Geschöpfe in einer anderen Dimension mit metaphysischer Bedeutung existieren. Diese Geschöpfe haben bedeutungsvolle und beiderseitige Beziehungen, die normalerweise unserem Bewusstsein verborgen bleiben. Was vor uns in unserer Welt unsichtbar bleibt, ist die zusätzliche Bedeutung der Phänomene. Die Menschen müssen den mythischen Kontext der Wirklichkeit, der sich vor ihren Augen abspielt, klar erkennen lernen. Diese Welt ist nicht ohne spirituelle Bedeutung, man muss es jedoch erlernen, sie zu bemerken. Weinreb prägte einen wichtigen Ausdruck, der diskutiert werden sollte - die Existenz der Formen in der Zeit. Es sind nicht nur solche greifbare Bilder wie ein Mandelbaum, eine Taube oder ein Esel, die eine zusätzliche, mythische Signifikanz beinhalten; die Zeit besitzt auch eine zusätzliche Bedeutung. Das heißt in anderen Worten, bedeutungsvolle Formen oder Konzepte mit spirituellem Wert existieren in der Zeit ebenso wie im Raum. Ebenso wie ein Prinzip einer physischen Abbildung zugrunde liegt, so tut es auch die Zeit. In einer etwas esoterischeren Beschreibung könnte man sagen, dass die zugrundeliegenden Einheiten der Zeit und der Formen im Raum Qualitäten des Seins sind. Der volle Kontext der Formen der Zeit existiert in der mythischen Dimension, genau so wie der volle Kontext der Formen des Raumes, nur sind sie schwerer zu erkennen. In der physischen Welt ist es einfach zu sehen, wo die Form des Esels endet, aber es ist schwierig zu wissen, welcher Abschnitt der Zeit eine komplette Einheit hervorbringen lässt. Weinreb macht geltend, dass die jüdischen Schriften uns das Sichtbarwerden kompletter Zeit-Einheiten anzeigen, da sich die Heilige Schrift von der mythischen Dimension der Existenz ableitet, und damit in einer bestimmten Weise den Anfangspunkt der Zeit, die einschließende Beschaffenheit ihrer Trajektorie, sowie ihren Endpunkt umfasst. So zum Beispiel kennzeichnen die Handlungen der Schöpfung eine Zeit-Einheit, von der aus wir die Struktur der Zeit studieren können, ebenso wie in der Erzählung von Noah und der Sintflut, sowie in der Geschichte der Diaspora und des Exils des Volkes Israel in Ägypten und dessen Ankunft im Land von Kanaan. Aus diesen Geschichten können wir ein typologisches Modell herausfiltern, welches die Struktur der Zeit aufrechterhält, und von welchem wir wiederum etwas über die Entwicklungsstruktur der Zeit erlernen können. Daraus folgt dann, dass wir die mythische Dimension als das Ganze bezeichnen können, und die konkrete Wirklichkeit als die Hälfte. Jedoch bleibt diese Hälfte nur solange eine Hälfte im menschlichen Bewusstsein, bis die Menschen erlernen, mit der mythischen Dimension zu kommunizieren und damit beginnen, die materielle Welt in ihrem vollen Kontext zu sehen. Für die, die sich auf diesen Weg begeben, und die metaphysische, spirituelle Signifikanz in der sichtbaren Welt entdecken und erfahren, wandelt sie sich in eine Welt, die mit Göttlicher Bedeutung durchtränkt ist. Obgleich sich die Menschen einer Vielheit gegenübersehen, wird die umfassende und vereinheitlichende Natur der mythischen Dimension, letztendlich, in der Wahrnehmung aller persönlichen Elemente in ihrer Einheit offenbar. Dieses ist der Weg, der von den polytheistischen Mythen zu den monotheistischen Mythen führt: Polytheistische Mythen stellen ein Stadium in Richtung der Weiterentwicklung zu einer vereinheitlichten Wahrnehmung der Wirklichkeit dar, eines einzelnen Göttlichen Wesens, welches auf Vielfältigkeit begründet ist.

Teil III: Die mythische Dimension und das Unterbewusstsein

Weinrebs Vorstellung vom Menschen kombiniert seine Betrachtungsweise der jüdischen Esoterik, welche den Menschen als ein Wesen sieht, welches sich in seiner irdischen Existenz von der spirituellen Realität ableitet und dort verwurzelt ist, dies ist eine Wirklichkeit die von Zeit und Raum sowie ihren limitierten kausalen Kontexten unabhängig ist, zusammen mit einer Welt der Konzepte, die aus der Psychologie des Unterbewusstseins entnommen und beeinflusst wird. Jedoch sollte beachtet werden, dass Weinreb beides vereinigt; gemäß seiner Meinung ist das Judentum die Psychologie des Unterbewusstseins, wie es auch Jung studierte, insofern als der Letztere, das Unterbewusstsein als Fenster zu einem anderen Reich wahrnahm. Indem er die spirituelle Welt mit dem Unterbewusstsein kennzeichnet, kann Weinreb bei einem Anlass sagen, dass die Sprache aus der Göttlichen Welt stammt, oder bei einer anderen Gelegenheit, dass sie sich vom Menschen ableitet, und er kann auch sagen, dass die Heilige Schrift auf die Welt der Träume zurückzuführen ist. Die mythische Dimension ist sehr innig mit des Menschen innerem, spirituellen Leben verbunden. Weinrebs Sichtweise des Unterbewusstseins besagt, dass der Inhalt des menschlichen Unterbewusstseins die mythische Dimension der Existenz ist. Die menschliche Erinnerung bedeutet bereits, dass der Mensch über das Kontinuum der Zeit und der Formen im Raum hinaus die Oberhand hat. Durch Erinnerung kann der Mensch unterschiedliche Zeiten und Anblicke erfahren, ohne von einem spezifischen Zeitpunkt oder von einem Ort abhängig zu sein. Jedoch, wie bei der Jungschen Idee vom Unterbewussten und in Übereinstimmung mit der Vorstellung Weinrebs von der mythischen Dimension, umfasst das Unterbewusstsein historischen Inhalt und nicht nur einzelne Erinnerungen; sowie die kollektiven und universellen Formen als Teil des menschlichen Unterbewusstseins. Das innere Leben des Menschen, ist das Fenster, durch das wir uns der Welt in seiner ganzen endlosen Vielfalt annähern können, und durch welches diese Mannigfaltigkeit in uns einfließt, ein Teil von uns wird. Die Verknüpfung zwischen dem universellen Unterbewusstsein und menschlichen Wesen als jeweilige Einzelpersonen, liegt in unserer Fähigkeit und unserem freien Willen, auszuwählen, welche Bilder und Situationen aus dem Mythisch-Universellen zur Oberfläche steigen. So begreift Weinreb auch den Sinn von 'Gilgul'; 'Gilgul' bedeutet, dass unterschiedliche Gestaltungen vom universellen Speicher der Abbildungen, der im Unterbewusstsein enthalten ist, in unserem bewussten Leben auftauchen. Träume sind wichtige Mittel, durch die der Mensch Botschaften aus der mythischen Dimension empfängt. Wir haben gesehen, dass alles mythisch und mit metaphysischer Bedeutung existiert. In unseren Träumen empfangen wir konkrete Bilder, die zusätzliche Bedeutungen enthalten, und deswegen haben diese Bilder einen inneren Wert. Das heutige übertriebene Denken muss durch eine Rückkehr zum Unterbewussten oder zur Traumwelt ausgeglichen werden. Träume sind kardinale mythische Fakten, da wir in den Träumen ein konkretes Bild mit einer Signifikanz empfangen, die das Greifbare überschreitet. Unsere Träume sind nicht einfach zufällig, und die Bilder, die wir sehen, haben einen bestimmten Wert und Signifikanz. Die zerebrale Seite lehnt es ab, die metaphysische Signifikanz der natürlichen Objekte geistig zu erfassen. Infolgedessen glaubt Weinreb, dass unsere Traumleben wahrer ist, obwohl es unterbewusst ist. Das Gleichgewicht im Leben kann nur durch das Träumen der Wirklichkeit, während wir wach sind, erlernt werden. Tatsächlich ist im gegenwärtigen Zustand des Menschen die Nacht der Tag und der Tag ist die Nacht, denn er lebt, während er wach ist, in völliger Dunkelheit gegenüber seiner Wahrnehmung des spirituellen Kontextes, dem alles zugrunde liegt. Wir müssen erlernen, Elemente aus unserem wachen Leben in unser Traumleben zu übertragen, und externe Objekte in ihrem Traum-Zeit-Kontext wahrzunehmen.

Teil IV: Der Status der Heiligen Schrift

Die Heiligen Schriften, welche die Bibel und die mündliche Überlieferung umfassen, sind ein Geschenk von Oben. Sie wurden uns von inspirierten Menschen gegeben, die das logische, methodische Denken mit visionären Wahrnehmungen kombinierten, das in der modernen Zeit als irrationales Denken bezeichnet wird. Die enthüllende Natur der überlieferten Quellen besteht nicht nur, weil sie von Gott herunter gereicht wurden, sondern auch, da sie aus der mythischen Dimension entnommen sind. Daher sollte man die Informationen in den Jüdischen Quellen nicht nur als physikalisch wahrnehmbar ansehen. Gemäß Weinreb korrespondieren diese Quellen nicht mit dem Bereich der Sinne, und können nicht durch die gleichen Instrumente erfasst werden, die wir benutzen, um die fühlbare Welt zu erkennen. Weinreb teilt die Jüdischen Schriften in jene der unreflektierten Quellen und die der Kommentare auf, die chronologisch später datiert sind. Die unreflektierten Quellen umfassen die Torah und den Rest der Bibel einerseits, sowie die mündliche Überlieferung - einschließlich des Midrasch, der Aggada, der Halacha und der Kabbala, andererseits. Weinreb definiert diese dann alle als unreflektierte Quellen, und sein eigenes Wahrnehmungsvermögen drückt sich als Kommentator dieser alten Quellen aus. Gewöhnlich sind die unreflektierten Quellen nicht selbsterklärend; sie sind weder in einer kausal-philosophischen Gedankenlinie verfasst, noch sind sie systematisch konstruiert. Einige sind als Geschichten, wie in der Bibel oder in der Aggada niedergeschrieben, während einige andere als Midrasch zu den Heiligen Versen notiert wurden. Diese sind keine theologischen Dokumente im reflektierten-philosophischen Sinne. Weinreb mutmaßt, dass die Geschichte (der Mythos) näher an die Komplexität des Lebens herankommt als die Philosophie (der Logos). Im Hinblick auf den Inhalt ist die Heilige Schrift dadurch einzigartig, dass die Beschreibungen, die sie enthält, nicht der zeitgenössischen, einfachen Logik entsprechen. Die Heilige Schrift beschreibt eine Wirklichkeit, die uns unbekannt ist. Wir finden in der Bibel Mitteilungen, die fantastisch oder irrational genannt werden können. Diese Botschaften können in einer Weise übersetzt werden, damit sie mit zeitgenössischen Gedanken korrespondieren. So sind zum Beispiel die Durchquerung des Roten Meeres, die Feuersäule, das Manna, das vom Himmel fiel, und die Sonne, die über Gibeon stillsteht, alles Beschreibungen, die nicht mit zeitgenössischen Termini verstanden werden können. Ein ähnliches Problem existiert in den Werken der Weisen, die auch Beschreibungen enthalten, die nicht das einhalten, was uns als einfache Logik bekannt ist. Zum Beispiel wird die Königin Esther als grünlich beschrieben, oder Gott spielt mit einem Wal, und der Rechtschaffene tanz mit Gott. Im Buch des Sohar sehen wir ebenso eine Wirklichkeit, die nicht durch heutiges menschliches Bewusstsein verstanden werden kann, eine, in der das Übernatürliche in Form der kabbalistischen Sephirot dargestellt wird. Es stellt sich die Frage: Was ist der Ursprung dieser Berichte, und welche Art von Wirklichkeit postulieren sie? Es scheint so, als ob eine Trennung, zwischen der Weltsicht unseren Vorfahren und der unsrigen, besteht. Die andere Gruppe der jüdischen Quellen nennt Weinreb die reflektierten Quellen. Sie erklären die unphilosophischen und unverständlichen Botschaften in den unreflektierten Quellen. Diese Gruppe von Quellen schließt Kommentatoren und Philosophen des Mittelalters, sowie Kommentatoren von Legenden, wie beispielsweise dem Maharal, mit ein. Sie alle vermuten, dass in den alten Quellen eine höchste Wahrheit zu finden sei, die durch Erklärung und Kommentar entdeckt zu werden bedarf. Der Unterschied zwischen ihnen liegt in der Weise, wie sie kommentieren und die unreflektierten Quellen verstehen. Maimonides sieht in den Wörtern der Weisen eine Offenbarung einer höheren Weisheit, aber diese Enthüllung ist im Wesentlichen rational, und sie passt sich mehr wissenschaftlichen und philosophischen Gedanken an, insbesondere den aristotelischen, sowie der Art und Weise, wie der Maharal die Legenden der Weisen, oder den mythischen Denkansatz an sich, wahrnimmt. Weinreb nimmt seinen Platz in der Reihe nachdenklicher Urheber ein, die unverständliche Mitteilungen für diejenigen übersetzen, die vom Wesentlichen der drei großen Kanons des Judentums abgewichen sind: Der Bibel, dem Talmud und dem Buch des Sohar. Weinreb glaubt, dass die Bibel und die mündliche Überlieferung Instrumente darstellen, die für diejenigen vorhanden sind, die die Wirklichkeit als Ganzes erkennen möchten. Ihrer Natur nach sind die Quellen nahe der Traum-Welt, wie vorher definiert wurde. Deshalb nennt Weinreb die Bibel Traum-Bilder. Der übergreifende Wert der Heiligen Schrift liegt nicht nur in der Erscheinung Gottes vor dem Menschen, sondern auch in jedem kleinen Detail, das sie enthält. Gott erscheint nicht in unseren Träumen, dennoch enthalten unsere Träume Objekte, die zusätzliche Bedeutung besitzen. Was für Beide, Träume und die Heilige Schrift gilt, ist die innewohnende symbolische Dimension, ob es Personen, geographische Orte, Zahlen oder solche Ereignisse wie Hochzeiten, Todesfälle oder Reisen sind. Sie alle weisen auf innere Prozesse, und auf die grundlegende, existentielle Signifikanz hin. In beidem, den Träumen und der Heiligen Schrift, stehen wir dem Drama unseres Lebens gegenüber. Der mythische Status der Schriften determiniert die Tatsache, dass es keine Teilung zwischen Innen- und Außen, oder Oben und Unten gibt. Jedes Objekt, das in den Schriften enthalten ist - Wolken, Sonne, Fluss, Pflanze oder Tier -, enthält eine innere Bedeutung, ohne den externen Sinn zu annullieren. Jedoch ist es wichtig, zu beachten, dass, entsprechend Weinreb, man nicht wissen kann, wie die Ereignisse sich physikalisch ereigneten. Die Verbindung zwischen den externen und internen Darstellungen bleibt der Einsicht verborgen. Aus diesem Grund wandelt Weinrebs mythische Wahrnehmung die Beschreibungen in Symbole um, und verleiht den Symbolen eine theologische Legitimität. Jedoch werden die Wundertaten in der Heiligen Schrift durch seine mythische Wahrnehmung neutralisiert. Eine übernatürliche Begebenheit kann immer als ein Ereignis innerhalb des spirituellen Bereichs betrachtet werden. Es gibt keinen klaren Weg, zu wissen, in welchen Bereich die Durchquerung des Roten Meeres gehört. In der konkreten Welt symbolisiert das Meer eine Passage oder eine Grenze; in der mythischen Dimension bedeutet das Meer hinsichtlich des Überganges von einer Wirklichkeit zu anderen, z.B. von der Geburt zum Tod und umgekehrt, oder von einem Stadium spiritueller Entwicklung zu einem anderen, eine metaphysische Tatsache. Daraus resultierend ist die Durchquerung des Roten Meeres ein archetypisches, typologisches Ereignis und nicht nur ein geographisches Geschehnis. Während die theosophische Kabbala Mythen als vertikale Linie begreift, welche die Welt Oben mit der unteren Welt vereinigt, stellen die Mythen für Weinreb die verschwommene Teilung zwischen den externen und internen Welten, sowie ihrer beidseitigen Vereinigung dar. Dementsprechend berichtet die Bibel über das spirituelle Leben des Menschen und definiert die Prozesse, die von Einzelpersonen erlebt werden, mit nicht weniger (und möglicherweise mehr) als eine Geschichte mit historischer und geographischer Signifikanz. Die Heilige Schrift ist deshalb als archetypischer und biographischer Bericht zu betrachten.

Teil V: Die Hermeneutik Weinrebs

Da die Heilige Schrift unmittelbar aus der spirituellen Welt hervorgeht, hat sie einen direkten Einfluss auf die innere Welt des Menschen. Indem wir die Bibel, die Quellen der talmudischen Weisen und der Kabbala studieren, erlernen wir, in der mythischen Dimension zu leben, in der alles eine göttliche Bedeutung hat. Dieses Erlernen hängt davon ab, ob wir den Schlüssel finden, der zu einem Verständnis des vollen Kontextes der überlieferten Mitteilungen führt, und der dazu befähigt, diese Schriften in eine zeitgenössische Sprache und Zustand zu übersetzen. Es ist nicht der zeitliche Abstand, der die Schwierigkeiten verursacht, diese Botschaften zu verstehen, sondern die Verschiedenheit unserer allgemeinen Wahrnehmung. Prinzipiell ist die Analyse eines alten Textes genau so schwierig wie die Analyse eines Traumes. So wie die Entfremdung zischen der internen und externen Welt des Menschen, oder entsprechend des Unterbewusstseins und der bewussten Welten, sind wir in unserem Verstehen blockiert. Um die Mitteilungen, die von der Überlieferung abstammen, zu begreifen, ist eine hermeneutische Methode und ein direkter Zugriff zum menschlichen Unterbewusstsein erforderlich. So ist Weinrebs grundlegende Betrachtungsweise der Bibel, seiner Annährung zum Midrasch, der Aggada und der Kabbala ähnlich. Hermeneutik unterstützt das Umwandeln der Heiligen Schrift in eine Übersichtskarte des menschlichen Geistes, mit allen seinen Kräften und Fähigkeiten, sowie die Reflexion des menschlichen Weges auf Erden. Darüber hinaus wird die Bibel zu einer Entschlüsselung der Zeit, welche es dem Menschen ermöglicht, zu erkennen, in welchem Entwicklungsstadium er sich befindet, und zu erlernen, die vorherrschenden Kräfte in der Evolution, sowie dass, was die Struktur der Zeit ist, zu erkennen. Das kardinale hermeneutische Instrument ist die Sprache. Wie das Verständnis der Sprache in der prophetischen Kabbala, geht Weinreb davon aus, dass die hebräische Sprache das Wesentliche der Phänomene und ihre bedeutsamen Wechselbeziehungen beschreibt. Die hebräische Sprache durchlief eine Krise in der Zeit der Generation des Turmes von Babel. Zeitgenössisches Hebräisch und altes Hebräisch sind nicht identisch, und daher nennt Weinreb die vor der Krise verwendete Sprache, 'die ursprüngliche Sprache'. Die hebräische Sprache kann uns in bester Weise durch ihren inneren Aspekt, der das Numerische ist, zurück zu der ursprünglichen Sprache führen. Weinreb nennt den numerischen Aspekt des Wortes 'die andere Seite des Wortes'. Die Zahlen in der Sprache belehren uns objektiver, als es die Wörter können, über die Essenz der Dinge. Dasselbe trifft auf die Wörter zu, die beides, sichtbare Objekte und abstrakte Konzepte, beschreiben. Weinreb empfindet, dass, sobald die Sprache geschaffen wird, sie vom numerischen Wert begleitet ist. Zahlen sind ein Ausgangsfaktor in der Sprache: Eine Reihenfolge von Buchstaben kann nicht ohne eine Reihenfolge von Zahlen sein. Da der Buchstabe Aleph dem Buchstaben Beth vorangeht, ist Aleph die Eins und Beth ist die Zwei. Des weiteren entsprechen die Namen und die Bedeutungen der Buchstaben ihrer numerischen Reihenfolge. Zusätzlich hat jeder Buchstabe seinen eigenen numerischen Wert, im Umfang der Maßeinheiten Zehner und Hunderter, die weitere Aspekte ihrer Beschaffenheit offenbaren. Weinreb inkorporiert die Ideen von Pythagoras, der Kabbala, den Denkern der Renaissance wie Galileo und Descartes in sein Verständnis von Zahlen und von Sprache. Er empfing seine Auffassung der zentralen Rolle von Zahlen im Leben von den Pythagoreanern, die besagt, dass die Ordnung im Universum in der Wesensart numerisch ist. Weinreb vertiefte die Idee der ersten Denkern der Renaissance, dass numerische Verknüpfungen, sensorische Objekte besser erklären können als eine sensorische Erkenntnis. Numerische Interaktionen sind aufschlussreicher hinsichtlich des Verstehens der sensorischen Objekte, als es objektiver sensorischer Input ist. Sie sind die abstrakten Formeln, die ein größeres Verständnis der fühlbaren Phänomene erleichtern. Weinreb adoptierte die Verwendung der Gematria als Hilfsmittel für seine Erläuterungen von der Kabbala, und er brachte die Ansichten Descartes und Galileos über die physikalische Wirklichkeit in das Umfeld der Sprache mit ein. Dennoch, bewahren sich die Wörter selbst eine bestimmte Affinität zur ursprünglichen Sprache. Sprache ist ein Geschenk der spirituellen Welt; sie wird von der mythischen Dimension aus abgeleitet, und dem gemäß hat sie, ebenso wie die Exaktheit, auch die Eigenschaften der Flexibilität und Vielheit. Wie Weinreb es ausdrückte, haben die Wörter die Fähigkeit, zu erweitern. Sie decken den Wert der Dinge, so wie sie im spirituellen Bereich existieren, auf, und als solche dient die Sprache als eine Brücke zwischen dem Vergänglichen und den Ursprüngen, dem Endlichen und dem Unendlichen, sowie dem Historischen und dem Wesentlichen. Darum ist Sprache die Grundlage aller Kommentarmethoden, die Weinreb verwendet. Zusammen mit der linguistischen Hermeneutik Weinrebs bestehen drei weitere hermeneutische Thesen, die wir vorher erwähnten, da sie mehr als eine metaphysisch-historiosophische und anthropologische Betrachtungsweise repräsentieren. Die erste These ist inhärent im symbolischen Verständnis der Heiligen Schrift. Weinreb erklärt, dass die Heilige Schrift einen mythische Zugang zur Welt reflektiert, in der jedes Objekt eine spirituelle Signifikanz, und folglich eine Funktionen als Symbol besitzt. So tragen die Objekte - Tiere oder Dinge, die Pflanzenwelt und geographische Orte - die in der Heiligen Schrift erscheinen, alle eine symbolische Signifikanz. Diese Signifikanz wird mittels der Sprache offenbart. Die Typologie ist die zweite hermeneutische Methode, und sie spielt eine wichtige Rolle in Weinrebs Erläuterungen der Schriften. Im Mittelpunkt seines Werkes steht das Studium der evolutionären Zeit durch das Kommentieren der Schriften. Die Beschäftigung mit der Struktur der Zeit und der Evolution sind wichtige Punkte der Schreiben Weinrebs, und das letzte Kapitel in dieser Dissertation soll diesem Thema gewidmet sein. Die These Weinrebs bezüglich der typologischen Ordnung der Zeit, die in der Heiligen Schrift studiert werden kann, führte zu seiner übergreifenden Verwendung der Typologie. Seine Weltsicht und Hermeneutik werden unauflöslich kombiniert. Weinrebs Begriff der Formen in der Zeit bringt typologische Kommentare hervor, denn, wenn ein Gebilde oder ein bestimmtes Prinzip sich verdichtet, und eine Form innerhalb der Zeit annimmt, ist es wahrscheinlich, dass es sich von Zeit zu Zeit wieder verfestigt: So wie eine Form in der Zeit, eine Blume zum Beispiel, die jeden Frühling immer wieder erscheint. Wie diese Abhandlung zeigen möchte, verleiht Weinreb den hermeneutischen Methoden, die in der Vergangenheit angewendet wurden, erneuerten Inhalt und Signifikanz. Es sollte betont werden, dass die typologischen Strukturen, die Weinreb in der Struktur der Zeit in seinem Kommentar zur Heiligen Schrift aufdeckt, ungleichartig sind. Drei Arten der Typologie sind in den Erläuterungen Weinrebs erkennbar: Ich habe die erste eine zyklische Typologie genannt. Ihre Signifikanz ist die der Geschichte, wir können sich ständig wiederholende zeitliche Abläufe feststellen. Die zweite Typologie habe ich als entwicklungsgemäße Typologie definiert. Diese Typologie ist nicht zyklisch, sondern spiralartig, mit anderen Worten postuliert sie, dass sie sich von einem Zyklus zum anderen entwickelt. Die dritte wird inverse Typologie genannt, wenn ein spezifisches Ereignis eintritt und sich innerhalb einer gegebenen Zeit herausformt; in Übereinstimmung mit einem zukünftigen Geschehnis mit einem klaren eschatologischen Charakter. Es ist die Zukunft, welche die Struktur und die Methode erschafft, nicht die Vergangenheit. Die dritte hermeneutische These hängt mit der ersten zusammen, aber sie hat mehr eine anthropologische, oder (um exakt zu sein) archetypische Qualität. Die Gestalten in der Heiligen Schrift besitzen noch eine zusätzliche Bedeutung über ihre externe, historische und unmittelbare Signifikanz hinaus. Diese Figuren sind die internen Stimmen des menschlichen Geistes, und diese Kräfte agieren und funktionieren so lange in der menschlichen Innenwelt, wie die Geschichte fortbesteht. Dieses bleibt ebenso für die Berufe und die Funktionen in der Bibel zutreffend: Jäger, Priester, Leviten, Weinbauer, Schäfer, Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer sind der innere Gehalt von Zuständen im menschlichen Geist. Erneut bleibt nichts in der Heiligen Schrift ohne eine innere Signifikanz, welche die historische Bedeutung überschreitet. Weinreb macht ferner geltend, dass die Heiligen Schriften und die Mythen, prinzipiell von einer Quelle der Inspiration stammen, und man sich ihnen deshalb mit den gleichen Kommentarmethoden annähern kann: Er wendete diese Grundregel bei der Bibel, der mündlichen Überlieferung, sowie beim Neuen Testament an. Weinrebs Erläuterungen zum Neuen Testament haben typologische, mythische und archetypische Charakterzüge in Übereinstimmung mit den vorher erwähnten Prinzipien: Er gibt dem Neuen Testament ein universelle Dimension, welche das Christentum überschreitet, und er enthüllt außerdem interessante Verbindungen zwischen dem Neuen Testament und der Heiligen Schrift.

Teil VI: Zeit und Entwicklung in der Philosophie Weinrebs

Die Struktur der Zeit und der Entwicklung ist ein zentrales Thema in der Philosophie Weinrebs, daraus resultiert seine umfangreiche Verwendung der Typologie. In der mythischen Dimension existiert die Zeit in ihrer Totalität, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eingeschlossen. Die Bibel zeigt die evolutionäre Struktur der Zeit in ihren Geschichten und in ihren Gesetzen. Sie zeigt Einheiten der Zeit, durch die die allgemeine Struktur der Evolution identifiziert werden kann. Weinrebs Konzept der Evolution geht davon aus, dass die Welt aus dem Spirituellen hervorging und dorthin, am Ende der Zeit, wieder zurückkehren wird. Nach dem 6. Tag der Schöpfung, als der Mensch aus dem Garten Eden vertrieben wurde, betrat er eine Welt, die Weinreb die Welt des 7. Tages nennt. Am 7. Tag, in dem die Menschheit sich jetzt befindet, geht sie zum Spirituellen zurück. Dieser Prozess mündet in den achten Entstehungstag, an dem die Voraussetzungen unterschiedlich zu den gegenwärtigen sein werden. Zum Beispiel wird das Materielle mehr durchdrungen sein, und das verborgene Wesentliche wird weitaus sichtbarer werden. Der Prozess der Rückkehr zum Geist wird in den 9. Tag fortführen, und der evolutionäre Prozess wird im zehnten Tag abgeschlossen sein. Evolution ist eine Arena, in der zwei kosmische Kräfte aufeinandertreffen: Die eine ist die Kraft der Entwicklung und die andere ist die Kraft der Rückkehr zum Ursprung. Die Kraft der Entwicklung und Entfaltung ist diejenige, mit der die Welt erschaffen wurde, in einem bestimmten Stadium versucht diese Kraft jedoch die Welt von ihrem Ursprung zu entfernen, und führt sie so in ihren Untergang. Die Kraft der Rückkehr zum Ursprung ist jene, welche die Menschheit vor dem Fehlgehen schützt, und der Schöpfung hilft, zu ihrem Ursprung zurückzukehren. Der Mensch wählt konstant die Kraft, mit der er zusammenwirkt. So bringt er durch das Zurückkehren zum Ursprung die Wirklichkeit hervor, und somit die Erlösung. Der 7. Tag wird ebenso innerlich geteilt. Sein erster Teil wird in der Bibel beschrieben und führt bis in die ersten Jahrhunderte v.Chr. fort. Das kennzeichnende dieses Teils ist, dass die Menschen in ihrem natürlichen Umfeld den Geist in einer Weise erfuhren, die dem modernen Menschen unbekannt ist. Diese Erfahrung war die Welt der Bibel und der Mythen mit ihrem Überfluss an Göttern und spirituellen Begebenheiten, welche darin zueinander in Verbindung standen. Diese Welt musste dann unserer historischen Welt weichen, in der sich das mythische in den Hintergrund, das heißt, in die menschliche Innenwelt zurückgezogen hat. Am Anbruch der Evolution war das Bewusstsein des Menschen mythisch, während der Mensch nun, externe Objekte mit seinen Sinnen wahrnimmt. Das Mythische existiert im Unterbewusstsein und in den Träumen weiter. Die Fortsetzung der Verzweigung des 7. Tages ist auch eine Rückkehr zum Mythos, der eine Rückkehr zum Geist andeutet. In Weinrebs Werk schafft die methodische Kombination von grundlegenden Thesen, die oben zusammengefasst wurden, sowie seine Kommentarmethoden, die den alten Schriften eine philosophisch-psychologische Tiefe zuerkennt, eine einzigartige spirituelle und existentielle Erfahrung für seine Leser. Die methodische Struktur, der flüssige Schreibstil und die nicht assoziative Natur der Arbeiten eignen sich für zeitgenössische Leser überraschend gut. Es ist meine Meinung, dass die Arbeiten von Weinreb kulturell bedeutend sind: Leser können in ihnen intellektuellen und spirituellen Wert finden. Sie stellen ein hermeneutisches Instrumentarium für diejenigen zur Verfügung, die es als schwierig empfinden, die alten, assoziativen Texte zu lesen, und sie erleichtern ebenso neue Perspektiven für solche Menschen, die mit den Quellen bereits vertraut sind. Die universelle Qualität der Schriften Weinrebs ermutigt die Menschen, die Innenwelt und die Elemente, die für die gesamte Menschheit gemeinsam sind, aufzuspüren, ohne die Besonderheiten zu kultivieren, welche unterscheiden und unterschieden werden.
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